Beutelwolf – Lilly

Eine kleine Leseprobe

Der Besuch auf den Philippinen

Malou lief in ihr Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Traurig setzte sie sich auf ihr Bett und starrte an die Wand. Ihre Eltern hatten ihr gerade gesagt, dass sie sich scheiden lassen wollten. Das machte Malou sehr traurig. Von diesem Tag an würde nichts mehr wie vorher sein. Sie würden keine Familie mehr sein. Und ihr Vater würde irgendwo anders wohnen, wo sie ihn besuchen musste. Malou hatte Kinder in ihrer Klasse, dessen Eltern sich geschieden hatten. Daher wusste sie, wie das ablief. Sie hätte nie gedacht, dass ihre Eltern sich irgendwann mal scheiden lassen würden. Ihre Eltern hatten immer eine gute Ehe gehabt. Das hatte Malou zumindest gedacht. Anscheinend war es nicht so gewesen. Jetzt wo sie darüber nachdachte, fiel ihr auf, dass ihre Eltern sich in der letzten Zeit oft gestritten hatten. Aber trotzdem verstand sie nicht, weshalb sie sich scheiden lassen mussten. Nach einer Stunde klopfte es an der Tür und Malou Vater kam herein.

„Hey“, sagte er vorsichtig. „Ich werde gleich gehen.“
Malou weigerte sich, ihn anzusehen. Er konnte doch nicht einfach gehen. Das war gemein und sie hasste ihn dafür.

„Ich wollte nochmal mit dir reden. Ich möchte, dass du weißt, dass ich dich liebe. Sehr doll sogar und nichts wird jemals etwas daran ändern. Dass deine Mutter und ich uns trennen hat nur etwas mit uns zu tun und nicht mit dir.“

Malou sagte nichts. Sie war immer noch sauer. Nichts konnte die Sache besser machen.

„Ich komme morgen wieder“, sagte ihr Papa, gab ihr einen Kuss auf die Stirn und verließ dann ihr Zimmer. Böse sah sie ihm hinterher. Er war blöd. Ihre Mama war blöd. Das ganze Leben war blöd. Beleidigt verschränkte sie die Arme vor der Brust, obwohl niemand hier war, um es zu sehen. Nach einer Weile kam Malous Mutter ins Zimmer. „Wie geht es dir?“, wollte sie wissen.

„Schlecht“, sagte sie in eingeschnapptem Ton.

„Es tut mir leid, aber du wirst bald merken, dass es so besser ist“, sagte sie. „Willst du zum Abendessen runterkommen?“

„Nein“, sagte Malou.

„Ok, komm einfach, wenn du Hunger hast.“

Malou sagte nichts. Sie blieb noch eine weitere Stunde beleidigt in ihrem Zimmer sitzen, aber irgendwann hielt sie es nicht mehr aus und ging doch runter, um etwas zu essen. Sie redete aber kein Wort mit ihrer Mutter.

Am Abend legte sie sich mit ihrem Kuscheltier Klemi ins Bett. Klemi war ein Erdmännchen und Malous bester Freund. Ihre Mutter gab ihr noch einen Kuss auf die Stirn. Dann schloss Malou ihre Augen. Sie wollte diesen Tag einfach nur hinter sich bringen.

Als sie ihre Augen wieder öffnete, sah sie Bäume und einen Strand vor sich. Der Wind wehte durch ihr Fell. Ihr Fell? Malou sah an sich herunter und bemerkte, dass sie ein Beutelwolf war. Sie sah wie ein Wolf aus, hatte aber eine sehr lange Schnauze und schwarze Streifen auf dem Rücken. Neben ihr saß ein Wolf, der einen Rucksack auf dem Rücken trug. In diesem Rucksack saß Klemi. Aber er war kein Kuscheltier mehr. Er war ein echtes Erdmännchen.

„Der Strand ist ja schön“, sagte der Wolf und Malou erkannte seine Stimme sofort.

„Papa?“, fragte sie.

Der Wolf nickte.

„Wo sind wir?“, fragte Malou.

„Wir sind auf den Philippinen“, antwortete Klemi. „Ist das nicht toll?“

„Ja“, sagte Malou. Der Strand sah wunderschön aus und das hellblaue Wasser umspülte den Sand. „Aber warum sind wir hier?“

„Ich glaube träumst“, erklärte Klemi. „Ich habe mal gehört, dass im Traum der Körper versucht, dass zu verarbeiten, was er am Tag erlebt hat. Und genau das tust du gerade.“

„Oh“, antwortete Malou. Dann bemerkte sie, dass hinter ihr ein Tiger saß. Erschrocken sprang sie zur Seite.

„Keine Sorge. Ich bin es“, sagte der Tiger. Malou erkannte auch diese Stimme. Es war die ihrer Mutter.

„Was machen wir jetzt?“, fragte Malou.

„Was auch immer du machen willst“, sagte ihr Vater. „Es ist dein Traum.“

Malou dachte darüber nach, was sie jetzt machen wollte. Plötzlich hörte sie eine Stimme über sich.

„Wer seid ihr denn?“, fragte die hohe Stimme.

Malou sah nach oben und entdeckte einen kleinen Affen. Er war nur 15 cm groß und klammerte sich mit Händen und Füßen an einem Baumstamm fest. Seine Augen waren riesig und sahen Malou an.

„Wir sind ein Beutelwolf, ein Wolf, ein Erdmännchen und ein Tiger. Und du?“, wollte sie wissen.
„Ich bin ein Koboldmaki. Hast du Lust, zu spielen?“

„Klar“, rief Malou. Aber dann sah sie zu ihren Eltern.

„Das finde ich nicht so gut“, sagte Malous Mutter. „Wir kennen uns hier nicht aus und könnten uns verlieren.“

„Ach was“, sagte Malous Papa. „Geh ruhig spielen. Wir treffen uns in zwei Stunden wieder hier. Außerdem ist das doch nur ein Traum.“

Klemi hüpfte aus Papas Rucksack und setzte sich auf den Rücken von Malou. Dort klammerte er sich an ihr Fell und feuerte sie an. Malou rannte dem kleinen Koboldmaki hinterher, der sich durch die Bäume schwang und versuchte, ihn zu fangen.

Während sich Malous Eltern darüber stritten was Malou darf und was nicht.

Doch Malou bekam es nicht mehr mit, sie war schon zu sehr ins Fangen spielen vertieft.

Die drei spielten sehr lange miteinander und freundeten sich an. Der kleine Koboldmaki hieß Isko. Er zeigte Malou und Klemi die Sehenswürdigkeiten. Dazu gehörten die Vulkane Taal, Mayon und Pinatubo. Der Pinatubo-Vulkan war sogar noch aktiv, was Malou besonders cool fand. Außerdem zeigte Isko ihnen die riesigen Pagsanjan-Wasserfälle und ganz viele schöne Strände. Die drei gingen sogar in dem klaren Wasser schwimmen. Irgendwann merkte Malou, dass es schon spät wurde und sie bald zu ihren Eltern musste.

„Aber du musst unbedingt noch meine Eltern kennenlernen“, sagte Isko.

„Na gut“ stimmte Malou zu. Die drei machten sich auf den Weg zu Iskos Eltern.

„Mama, Papa, ich habe Besuch mitgebracht“, rief Isko in die Bäume hoch. Kurz darauf landeten zwei Koboldmakis auf dem Boden.

„Wie schön“, freuten sie sich und begrüßten Malou und Klemi. „Wir haben gerade das Abendessen fertig. Bleibt doch noch kurz.“

Iskos Eltern servierten ein Gericht, das sich Pancit Kanton nannte. Es bestand aus gebratenen Nudeln, die mit Fleisch und Gemüse zubereitet worden waren. Malou schmeckte das Essen so lecker, dass sie nach dem Rezept fragte. Sie fühlte sich auf den Philippinen sehr wohl. Doch eine Sache fiel ihr auf. Iskos Eltern stritten sich sehr viel. Sie stritten darüber, ob das Essen warm genug war, ob es gut genug gewürzt war, wer den Abwasch machen sollte und wie lange Isko noch wach sein durfte. Das erinnerte Malou wieder daran, dass ihre Eltern sich scheiden lassen wollten und sie wurde sofort wieder traurig. „Schön, dass deine Eltern noch zusammen sind. Meine lassen sich scheiden“, sagte Malou, als Iskos Eltern gerade nicht da waren. Aber Isko seufzte nur. „Ich weiß nicht, ob das so gut ist.“

„Wirklich? Wieso?“, wollte Malou wissen.

„Sie streiten sich den ganzen Tag“, sagte Isko. „Und sie sind ziemlich gemein zueinander.“

„Oh, warum sind sie denn dann überhaupt noch zusammen?“

„Hier darf man sich nicht scheiden lassen“, sagte Isko.

Das überraschte Malou. Sie hatte nicht gewusst, dass es Länder gab, in denen man sich nicht scheiden lassen konnte. „Warum denn?“, fragte sie.

„Damit die Familie zusammenbleiben kann“, antwortete Isko.

„Aber das ist doch schön“, freute sich Malou. Sie wünschte sich, dass jemand ihre Eltern dazu zwingen würde zusammenzubleiben.

„Das ist nicht wirklich schön“, sagte Isko. „Meine Eltern sind sehr unglücklich.“

Malou wunderte sich darüber. Doch nachdem sie noch eine Weile bei Isko war, merkte sie, was er meinte. Seine Eltern saßen immer möglichst weit auseinander und warfen sich böse Blicke zu. Iskos Mutter war von allem genervt, was sein Vater sagte. Und er beschimpfte sie mit Worten, die Malou noch nie gehört hatte. Sobald Iskos Eltern anwesend waren, machte sich eine unangenehme Stimmung breit. Deshalb verabschiedete sich Malou relativ bald und ging mit Klemi zurück zu ihren Eltern.

„Ganz schön anstrengend, wie sich Iskos Eltern verhalten haben, oder?“, fragte Klemi.

Malou nickte. „Ich verstehe das gar nicht. Warum waren sie so?“

„Naja“, sagte Klemi. „Wenn zwei Menschen sich lieben, heiraten sie. Aber manchmal kommt es vor, dass sie sich mit den Jahren verändern und nicht mehr so gut verstehen. Wenn das so ist, lassen sie sich scheiden, damit sie wieder glücklich werden können. Wenn zwei Menschen gezwungen werden zusammenzubleiben, obwohl sie sich nicht mehr leiden können, dann streiten sie sich nur noch. Manchmal wird es auch so schlimm wie bei Iskos Eltern oder sogar noch schlimmer.“

„Also, wenn meine Eltern sich nicht scheiden lassen würden wegen mir, könnte es sein, dass sie genauso böse aufeinander werden?“, fragte Malou.

„Das könnte schon sein“, antwortete Klemi.

Darüber dachte Malou eine Weile nach. Sie wollte natürlich nicht, dass ihre Eltern sich scheiden ließen. Aber sie wollte auch nicht, dass ihre Eltern unglücklich waren. Und wenn sie nur glücklich werden konnten, wenn sie sich trennten, war es vielleicht besser so.

Klemi wusste genau, wie sie wieder zurück zu Malou Eltern finden konnten. Als sie an dem Strand ankamen, saßen der Tiger und der Wolf mit dem Rucksack im Sand und unterhielten sich nett. So war es ihr viel lieber, als wenn sie sich so verhielten wie Iskos Eltern. Malou lief zu ihnen und kuschelte sie an sich. „Ich hab‘ euch vermisst“, sagte sie.

„Wir dich auch“, antworteten ihre Eltern gleichzeitig. „Hattet ihr einen schönen Tag?“, fragte ihre Mutter.

Klemi und Malou nickten beide. Das Erdmännchen hüpfte in den Rucksack von Malous Papa und schloss die Augen. Anscheinend war Klemi müde. Malou und Klemi hatten einen sehr schönen Tag gehabt, viel gelernt und einen neuen Freund gefunden. Und nun war es an der Zeit, nach Hause zu gehen.

Als Malou ihre Augen wieder aufschlug, lag sie in ihrem kuscheligen Bett und Klemi war wieder ein Kuscheltier, das sie in ihren Armen hielt. Sie sprang aus dem Bett und lief nach unten. Ihre Mutter war gerade dabei den Tisch zu decken. „Guten Morgen“, sagte sie, als sie Malou sah.

„Guten Morgen“, antwortete Malou fröhlich.

„Hast du gut geschlafen? Du bist ja so gut gelaunt“, wunderte sich ihre Mutter.

„Ja, ich hab‘ gut geschlafen. Und ich hab‘ jetzt verstanden, dass du und Papa nur glücklich werden könnt, wenn ihr nicht zusammen seid. Und es ist in Ordnung für mich, weil ich will, dass ihr glücklich seid.“

Malous Mutter lächelte breit. „Das ist so lieb von dir. Vielen Dank“, sagte sie.

Die beiden frühstückten zusammen und auch wenn Malou ihren Papa vermisste, genoss sie die Zeit mit ihrer Mutter. Mittags kam ihr Vater vorbei und die drei verbrachten einige Stunden miteinander. Schon lange war es nicht mehr so harmonisch gewesen, wenn sie mit ihren Eltern Zeit verbracht hatte. Auch zu ihrem Vater sagte Malou, dass sie damit einverstanden war, dass die beiden sich trennten. Er umarmte sie und gab ihr einen Kuss. „Du bist so ein schlaues und liebes kleines Mädchen“, sagte er.

Gemeinsam kochten sie das Mittagessen. Malou wollte unbedingt das Pancit Kanton machen, das sie in ihrem Traum bei Isko gegessen hatte. Auch ihren Eltern schmeckte das philippinische Essen sehr gut. Anschließend machten sie einen Spaziergang und spielten mit Malous Lieblingspuppen. Am Abend ging ihr Vater wieder in sein neues Zuhause und Malou verbrachte noch ein wenig Zeit allein mit ihrer Mutter, bevor sie sich wieder mit Klemi ins Bett kuschelte.

Sie war immer noch ein bisschen traurig darüber, dass ihre Eltern sich getrennt hatten.

Ihr fehlte der Gute-Nacht Kuss von Papa, doch die Harmonie war schöner als die Abende voller Streit und Schreierei. Es war eine neue Situation, aber etwas mit dem Sie leben können würde, da es ihren Eltern jetzt besser ging.